Schlagzeugspiel ist weit mehr als nur das Halten eines Taktes – doch woran bemisst sich wahre Meisterschaft an den Drums? Gibt es ihn überhaupt, den ‚besten‘ Schlagzeuger der Welt?
Oft ist unsere Begeisterung eng mit dem Genre verknüpft: Wenn ein Groove tiefe Emotionen weckt, gilt unsere Bewunderung meist sofort demjenigen, der ihn erschafft. Während die einen durch technische Brillanz und atemberaubende Geschwindigkeit bestechen, faszinieren andere durch eine charismatische Performance oder ihre ganz eigene klangliche Handschrift. Doch welche dieser Qualitäten macht einen Musiker wirklich herausragend?
Jahrelang begleitete mich die Frage: Was macht die wahre Meisterschaft hinter dem Schlagzeug aus? Ich habe mich durch unzählige Empfehlungen gehört und dabei oft vergeblich nach dem ‚besonderen Etwas‘ gesucht. Umgekehrt gab es Momente, in denen mich die Musik packte und ich ganz gezielt nach den Feinheiten im Spiel suchte. Jedes Mal, wenn mich ein Beat faszinierte, begann eine kleine Entdeckungsreise: Ich recherchierte die Köpfe hinter den Sticks, um zu verstehen, was ihr Spiel so einzigartig macht – immer auf der Suche nach Inspiration für meine eigene Entwicklung.
Hören ist weit mehr als nur ein akustischer Reiz
Es ist eine Fähigkeit, die wir erst entwickeln müssen. Jeder hört auf einem anderen Level, oft begrenzt durch das, was er musikalisch bereits entschlüsseln kann. Wer mehr ‚Vokabeln‘ kennt, hört schlichtweg mehr. Der erste Schritt auf dieser Reise ist das bewusste Herausfiltern einzelner Instrumente. Während die Melodie meist im Rampenlicht steht und uns den Zugang erleichtert, agiert das Schlagzeug im Maschinenraum des Songs. Gemeinsam mit dem Bass bildet es das rhythmische Rückgrat. Es ist der Puls, der die Dynamik steuert, Leerräume mit Leben füllt und als rhythmisches Gewebe die gesamte Gruppe untrennbar miteinander verbindet.
Je mehr technisches Details oder musikalisches Knowhow bekannt ist, je mehr werde ich heraushören können. Welche Details gibt es da im Einzelnen? Ein Überblick bekommst du im nachfolgenden Video:
Virtuosität, Groove/Feeling, Dynamik, Geschwindigkeit, Kraft, stilistische Vielseitigkeit, polyrhythmische Muster, Beherrschung ungerader Taktarten, Charakter/individuelle Stimme, Komposition von Songs und Alben, Satzkunst/Phrasing, Improvisationsfähigkeiten – vieles davon wurde in dem Video angesprochen und werden Themen in meinen weiteren Artikeln sein.
Find your own voice
Larnell Lewis bringt es auf den Punkt: Am Ende geht es darum, seine eigene Stimme zu finden. Neben der Beherrschung von Technik und Theorie spielt das Equipment dabei eine entscheidende Rolle. Ich habe mich intensiv mit dem Klang der Trommeln und Becken auseinander gesetzt: Welchen Charakter soll mein Spiel haben? Will ich eher einen hellen, präsenten Sound oder eher eine dunkle, warme Klangfarbe? Mag ich eher den natürlichen Nachhall oder die Präzision eines trockenen Anschlags? Ob man komplexe Akzente setzt oder durch Schlichtheit überzeugt – jede Entscheidung formt einen individuellen Sound, als Grundlage für eine eigene Stimme am Schlagzeug. Für ein tieferes Verständnis, lies gerne meinen Artikel über den Schlagzeugaufbau, den ich hier verlinkt habe.
Während die Anatomie (dein „Instrument“) den Rahmen vorgibt, bestimmt die Technik (deine „Spielweise“), wie dieser Rahmen ausgefüllt wird. Stimme ist weit mehr als nur Technik – sie ist so individuell wie unser biologischer Fingerabdruck. So wie der Klang der menschlichen Stimme durch das Zusammenspiel von Hormonen, Muskulatur und Temperament geformt wird, so verhält es sich auch hinter dem Schlagzeug. Unsere Biologie gibt den Rahmen vor, unsere Muskelspannung bestimmt die Dynamik und unser inneres Temperament diktiert den Puls und die Energie unseres Spiels.
Das nächste Video, ist ein Tribute an Aaron Spears, einem sehr beliebtem Schlagzeuger der DrummerSzene, der leider sehr früh und plötzlich verstarb. Von links nach rechts sieht man ab Minute 2: Dennis Chambers, Peter Erskine, Dave Weckl, Gavin Harrison. Vier Schlagzeuggrößen mit ihren ganz persönlichen Drumkids und Spielweisen im Vergleich.
Es ist faszinierend zu sehen, wie ein Schlagzeug ganz individuell zusammengestellt ist und welche technischen Möglichkeiten modernes Equipment uns heute bietet. Daneben sieht man einige Standards der zeitgenössischen Spielweise, beispielsweise die Hi-Hat, die mit dem linken Fuß als kontinuierlicher Puls durchläuft. Ein weiteres essenzielles, zeitgenössisches Werkzeug ist für mich das Doppelpedal. Während Gavin Harrison hier eindrucksvoll zeigt, wie man es einsetzt, setzen viele Profis Rhythmik auch mit einem Fuß um – doch das Doppelpedal eröffnet schlichtweg mehr Raum für komplexe Akzentuierungen und spielerische Leichtigkeit. Dabei folge ich meiner kindlichen Philosophie: Warum nicht das Krabbeln als einen der natürlichsten Bewegungsabläufe direkt auf das Trommeln übertragen?
Gavin Harrison gehört zweifellos zu meinen größten Vorbildern. Was ihn so besonders macht, ist sein extrem klarer, melodischer Stil. Sein Schlagzeug ist perfekt chromatisch gestimmt und wird durch feine Details wie Glocken-Elemente bereichert. Technisch besticht er durch sein lineares Playing: Anstatt Schläge zu schichten, setzt er Arme und Beine nacheinander ein. Das Ergebnis ist ein transparenter, fast schon singender Sound, der unglaublich harmonisch und strukturiert wirkt – ein Genuss für jeden Zuhörer. Schau dir dazu das nachfolgende Video an.
Ein Ansatz, der technisches Know-how voraussetzt, aber das Einfühlungsvermögen und die Kreativität ins Zentrum stellt – dort, wo die eigene Persönlichkeit atmen kann, steht hinter dem 2. Larnell Lewis-Statement aus dem 1. Video:
create a story or a feeling
Was ein Schlagzeuger*in im Kleinen kreiert, zeigt im Großen das nachfolgende Video. Ein herausragendes Beispiel für Denken jenseits von Traditionen, ist die Zusammenarbeit des niederländischen Metropole Orkest mit der Jazz-Fusion-Formation Snarky Puppy. Hier verschmelzen Klassik, Funk und Rock zu etwas völlig Neuem. Besonders faszinierend: Das Publikum sitzt nicht distanziert im Saal, sondern inmitten des Ensembles. Diese Auflösung der Grenzen zwischen Musikern und Zuhörern ist für mich mehr als nur ein Konzertkonzept – es ist das Spiegelbild meiner Vision einer harmonischen und friedlichen Weltordnung.
Die Besetzung von Snarky Puppy ist ebenfalls revolutionär: Vier Schlagzeuger auf einer Bühne, die sich gegenseitig ergänzen, statt sich zu übertönen und Larnell Lewis, aus meinem 1. Video, ist einer von diesen Stammspielern. Diese Art der Besetzung, ist die Abkehr vom Ego-Trip hin zum Kollektivgedanken. Hier zählt nicht der Einzelne als ‚Bester‘, sondern die gemeinsame Stärke. Dieser Verzicht auf Konkurrenz schafft eine entspannte Atmosphäre, in der Innovation erst möglich wird. Ein echtes Plädoyer für ein Miteinander, das durch die individuellen Stärken jedes Einzelnen wächst.
Fazit: Die Suche nach dem ‚Besten‘ führt ins Leere, denn Musik ist Entwicklung ohne Endstation. Es wird immer Ausnahmetalente geben, doch sie sind kein Maßstab für deinen eigenen Wert, sondern Quellen der Inspiration.
Wer lernt, sein biologisches Fundament mit seinem inneren Antrieb zu vereinen, findet seine Ausdruckskraft, die über das rein Technische hinausgeht.
Am Ende ist es diese Authentizität, die den Unterschied macht: Ein Sound, der nicht nur gehört, sondern als wahrhaftige Persönlichkeit gefühlt wird.
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