Was bedeutet es eigentlich, glücklich zu sein? Während wir oft nur dem schnellen Kick hinterherjagen, bietet die Philosophie von Wilhelm Schmid eine weitaus tiefere Perspektive. Er unterteilt das Streben in drei Ebenen: das unvorhersehbare Zufallsglück, das flüchtige Wohlfühlglück und das tiefgründige Glück der Fülle. Inspiriert von seinem Werk – das ich jedem nur wärmstens als Leseempfehlung ans Herz legen kann – möchte ich diese Konzepte heute mit Leben füllen. In diesem Beitrag ergänze ich Schmids Theorie um ganz persönliche, praxisnahe Beispiele aus meinem Alltag, um zu zeigen, wie wir die Leichtigkeit der Mitte auch in den stürmischen Momenten des Lebens finden können.
Mein Favorit ist das Zufallsglück, denn ich bin ein absoluter „Zufallsjunky“. Ich liebe es eine innere Haltung einzunehmen und ein „Schmetterlingsnetz“ in meinem Herz zu öffnen für zufällige Erfahrungen, Informationen und Begegnungen. Mir hat das Leben dadurch schon zahlreiche tolle Bereicherungen geschenkt. Natürlich kann es nicht ausbleiben, dass eine glückliche Begegnung oder Ereignis sich in ein Unglück verwandelt oder gar, dass man gleich ein Unglück einfängt. Aber inzwischen habe ich gelernt, selbst dem Unglück einen Gewinn abzutrotzen, irgendwann überwiegt der Zugewinn!
Der Zufall geht Wege, da kommt die Absicht nie vorbei!
Nichts lässt uns das Zufallsglück so sehr feiern wie das Reisen. Es bricht das Korsett des alltäglichen Zeitmanagements auf und schenkt uns die Freiheit zur Spontanität. Wer den Mut zur Planlosigkeit aufbringt und anderen Menschen mit echter, in Toleranz gebetteter Offenheit begegnet, erlangt eine besondere Lässigkeit. Erst dann nehmen wir eine neue Umwelt wirklich wahr, entdecken das Verborgene und finden im Sog des Augenblicks zum „puren“ Leben – frei von Plan und Zeit.
Warum die besten Reisen dort beginnen, wo der Plan endet?
Es gibt für mich kaum ein schöneres Gefühl, als die Natur zu Fuß zu erkunden. Wenn die Sohlen den Boden berühren, entsteht eine ganz eigene Verbindung zur Umgebung. Doch was das Reisen für mich wirklich lebendig macht, sind die ungeplanten Begegnungen – diese spontanen Gespräche mit Locals oder anderen Reisenden, die einen daran erinnern, was unser Menschsein eigentlich ausmacht.
Genau so eine Zufallsbegegnung hat mich an einen Ort geführt, den ich sonst wohl nie auf der Karte gefunden hätte: die Feldberger Seenplatte.
Eigentlich saß ich bei Regen in einer Fischbude am Steinhuder Meer. Es entwickelte sich ein Gespräch mit der Familie am Nachbartisch – Anlass waren meine Hunde 😉 Leidenschaftlich berichteten sie von ihrer Heimat, so dass ich meine Pläne kurzerhand über Bord warf und mich direkt auf den Weg machte.
Ich liebe diese leichte Anspannung, wenn man sich auf völlig unbekanntes Terrain begibt. In solchen Momenten sind alle Sinne hellwach: Wo werde ich heute schlafen? Was gibt es hier zu entdecken?
Dieses Gefühl von Freiheit und echtem Abenteuer findet man nicht in Reiseführern oder beim starren Folgen von Google Maps. Es entsteht erst dann, wenn man den Blick vom Display hebt, offen für den Moment ist und einfach schaut, was hinter der nächsten Kurve wartet.
Wenn das Schicksal deine Pläne umschreibt: Ein Arztbesuch, der alles veränderte
Manchmal sind es nicht die schönen Zufälle, die unser Leben prägen, sondern die vermeintlich negativen. Kurz vor den Sommerferien – ich war gerade vierzig – führte mich ein diffuses Unwohlsein zu meinem Hausarzt. Meine Intuition sagte mir, dass etwas nicht stimmte, und ich bestand auf einen Ultraschall der Bauchregion, nachdem mir ein großes Blutbild keinerlei Beruhigung verschaffte.
Beinahe wäre dieser Termin gar nicht zustande gekommen. Ein Notfall hielt die Praxis auf, ich stand schon an der Anmeldung und wollte gehen. Doch in letzter Sekunde hielt die Arzthelferin meine Karte fest und führte mich doch noch in das Untersuchungszimmer. Fünf Minuten später änderte sich meine Welt radikal: „Da ist etwas an der Niere, das dort nicht hingehört. Haben Sie Urlaub geplant? Den müssen Sie absagen.“
Die Diagnose: Nierenzellkarzinom. Ein Befund, den man statistisch eher bei einer 65-jährigen Frau erwartet, nicht bei einer kerngesunden Vierzigjährigen.
Die größte Erkenntnis: „Ich kann sterben“
Das klingt banal, denn theoretisch weiß jedes Kind um unsere Endlichkeit. Aber in der Jugend fühlt man sich unverwundbar, geschützt durch die eigene Kraft. Wenn dir diese Gewissheit dann wie ein Brett ins Gesicht schlägt, ändert das alles.
Try to see the good things
Doch aus diesem Schock erwuchs ein tiefes Geschenk: Die Erkenntnis ist heute ein präsentes Gefühl, das mich lehrt, zu hoffen, zu wünschen und mutig zu planen. Diese Wertschätzung füllt mein Leben nun mit guten Taten und bewussten Entscheidungen.
Und noch ein besonderes Geschenk brachte diese Zeit: Meine Sitznachbarin aus der anschließenden Kur. Aus der gemeinsamen schweren Zeit ist eine tiefe Freundschaft entstanden, die mein Leben bis heute bereichert. Heute weiß ich: Es sind oft die ungeplanten, harten Momente, die uns den Blick für das Wesentliche schärfen.
Die Glücks-Falle: Warum „Wohlfühlglück“ uns oft leer zurücklässt
Wir alle jagen ihm nach: dem Glück. Meist verstehen wir darunter das, was der Philosoph Wilhelm Schmid als „Wohlfühlglück“ bezeichnet. Wir wünschen uns Gesundheit, Spaß, Erfolg und das nächste große Event. Wir hetzen von einem Erlebnis zum nächsten, sammeln Momente wie Trophäen – nur um festzustellen, dass sie verfliegen, kaum dass wir sie erlebt haben. Das erhoffte „Dauerglück“ bleibt aus.
Stattdessen landen wir oft in einer materiellen Dauerschleife. Wir kaufen Dinge, die uns glücklich machen sollen, doch sie bringen Verpflichtungen mit sich: Reparaturen, Steuern, Versicherungen. Am Ende ersticken wir in einer Mischung aus „Pflicht“ und dem verzweifelten Haschen nach dem nächsten Augenblick des Glücks.
Wie geht es besser? Die Antwort lautet:
Optimieren statt Maximieren!
Wenn wir versuchen, alles zu maximieren (mehr Geld, mehr Reisen, mehr Besitz), wird das Leben schwer und laut. Die wahre Freiheit liegt in der Mitte. Die Mitte fühlt sich leicht an.
Es geht nicht darum, das Maximum aus jedem Tag herauszupressen, sondern das Beste aus dem zu machen, was bereits da ist. Wenn wir aufhören, dem „Dauer-Hoch“ hinterherzulaufen, und stattdessen die Tiefe im Einfachen suchen – in der Natur, in echten Gesprächen oder in der Akzeptanz unserer eigenen Endlichkeit –, dann entsteht eine ganz neue Form von Lebensqualität.
Das Glück der Fülle: Warum wir die Reibung brauchen
Wahres Glück ist weit mehr als ein dauerhaftes Hochgefühl. Das „Glück der Fülle“, wie Wilhelm Schmid es beschreibt, ist mutig: Es schließt das Negative mit ein. Es bedeutet, das Leben in seiner vollen Polarität zu akzeptieren. Licht braucht Schatten, um Tiefe zu erzeugen; Freude braucht den Kontrast des Schmerzes, um spürbar zu werden.
Wenn wir ehrlich sind: Niemand hält es in einem vollkommen „gepamperten“, spannungsfreien Alltag aus. Ohne echte Herausforderungen wird das Leben schal. Wir versuchen dann oft, diese fehlende innere Spannung durch spektakulären Filmkonsum oder künstliche Reize im Außen auszugleichen. Doch echte Lebendigkeit entsteht nur durch echte Reibung.
Diese Polarität begegnet uns überall: Selbst in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wird sie gelebt, indem sich unterschiedliche Temperamente, Energien und Eigenschaften gegenüberstehen. Erst durch diese Verschiedenheit entsteht die Dynamik, die uns wachsen lässt.
Die wahre Freiheit beginnt dort, wo wir das Negative nicht mehr verdrängen, sondern als notwendigen Gegenpol einer lebendigen Fülle begreifen
Veränderung
Mein Fazit: Die Kunst, das ganze Leben zu umarmen
Das Leben lässt sich nicht auf eine Aneinanderreihung von Glücksmomenten reduzieren. Die wahre Tiefe finden wir erst, wenn wir aufhören zu maximieren und anfangen zu optimieren – und zwar im Sinne einer inneren Balance.
Meine Reise von der spontanen Begegnung in einer Fischbude bis hin zur existenziellen Erschütterung durch meine Krebserkrankung hat mir eines gezeigt: Die Mitte fühlt sich leicht an. Diese Leichtigkeit entsteht nicht durch die Abwesenheit von Leid, sondern durch die Akzeptanz der Endlichkeit, der Polarität und dem „Schaukeln“ des Lebens.
Wer erkennt, dass auch die dunklen Stunden – wie die Diagnose mit vierzig oder die Angst vor dem Ende – zum „Glück der Fülle“ gehören, verliert die Angst vor dem Unbekannten. Wir gewinnen eine tiefe Wertschätzung für das Hier und Jetzt, für echte Begegnungen und für ein Leben, das nicht nach dem Reiseführer, sondern nach der Intuition gelebt wird.